Was fehlt: Türstopper für den Kopf

/ Tanja Kollodzieyski

Inklusion ist mehr als bauliche Barrierefreiheit, Aufzüge und Rampen. Bei Inklusion geht es um den Abbau der Barrieren in den Köpfen.

In Zeitungsartikeln, auf Blogs oder bei verschiedenen Diskussionen merke ich es immer wieder: Viele Menschen meinen eigentlich Barrierefreiheit, wenn sie über Inklusion sprechen. Das geschieht schnell, denn Barrierefreiheit ist oft etwas Konkretes. Rampen und Aufzüge können wir anfassen. Blindenleitsysteme und Gebärdensprachdolmetscher*innen sehen wir. Die Inklusion an sich ist aber erstmal eine Idee oder eine Vorstellung. Auf jeden Fall ist sie etwas, das viel schwieriger zu greifen ist.

Inklusion ist die Idee, dass jede*r dazugehört. Alle Menschen sollen gemeinsam an der Gesellschaft teilhaben und sie gestalten. Barrierefreiheit ist eine Folge der Inklusion, weil sie die individuellen Voraussetzungen schafft, um diese Teilhabe zu leben. Eine Rampe allein kann aber nie Inklusion sein.

Viele Umwege

Ich gehöre zu der Gruppe von Menschen mit Behinderungen, die in den meisten Diskussionen um die Inklusion in der Schule immer als Vorzeigebeispiel gilt. Ich bin körperbehindert und im Rollstuhl unterwegs, habe dabei keine geistigen Einschränkungen. Ich war immer eine ruhige, aber wissbegierige Schülerin. Meine Schulkarriere, die vor etwa 10 Jahren mit dem Abi endete, war dennoch holprig und hat mich viele Opfer gekostet.

Gestartet bin ich auf einer Förderschule. Dann wurde ich schnell zu zwei weiteren Förderschulen durchgereicht, weil ich immer extrem unterfordert war. Durch viele Tests und engagierte Förderschullehrer*innen kam ich letztendlich auf das Kleinstadt-Gymnasium. Ich war die einzige Anwesende mit einer Behinderung. Hinzu kam, dass extra für mich ein Aufzug und ein Toilettenraum gebaut wurden. Die äußerlichen Voraussetzungen waren also optimal.

Niemand wollte, dass ich da war

Sie änderten nur nichts daran, dass niemand wollte, dass ich da war. Viele Lehrer*innen ignorierten mich einfach weitgehend. Einige versperrten sich auch sehr aktiv: Mitten im achten Schuljahr wurde ich plötzlich von Kunst und Musik befreit. Die Gründe dafür habe ich nie erfahren. Niemand hat mit mir darüber gesprochen, geschweige denn gefragt, ob es für mich okay ist.

Ich habe nicht protestiert oder rebelliert, weil Freistunden für mich bedeuteten, dass ich Pause hatte vom Nicht-Willkommen-Sein der Lehrer*innen. Außerdem wurde ich die ganzen Jahre von meinen Mitschüler*innen gemobbt, indem sie mich demonstrativ ausschlossen und auch immer wieder die Zusammenarbeit mit mir verweigerten. Der Höhepunkt war die öffentliche Klassendiskussion darüber, dass ich bitte nicht an der Klassenfahrt in der 10. Klasse teilnehmen solle.   

Es ist okay, anders zu sein

Waren das bösartige Kinder oder Jugendliche? Nein, das waren Mitschüler*innen, die gezeigt bekommen haben, dass es in Ordnung ist, mich auszuschließen. Sie haben nicht gelernt, dass man nach neuen Lösungen oder neuen Wegen suchen sollte. Wir alle hatten damals niemanden, der uns vermittelt hat, dass es okay ist, anders zu sein.

Genau darum geht es aber bei der Inklusion: Es ist okay, anders zu sein. Wir müssen uns nicht anstrengen, um alle möglichen Menschen in eine einzige richtige Form zu pressen. Es gibt diese einzige richtige Form gar nicht. Überraschung! Die Inklusion lebt in der Offenheit und dem Willen nach verschiedenen Formen und Lösungen zu suchen.

Wir verschwenden dennoch seit Jahren unsere Energie, indem wir diskutieren, welche Kinder unter welchen Voraussetzungen formbar sind. Wenn wir über Inklusion reden, macht es aber gar kein Sinn, Menschen auszusortieren. Worüber wir stattdessen wirklich dringend sprechen sollten: Welche Voraussetzungen brauchen wir als Gesellschaft, um Vielfalt endlich zu lieben und zu leben?

Dieser Text wurde im Rahmen der Kampagne zum Film 
DIE KINDER DER UTOPIE (Hubertus Siegert) erstellt.

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Zum Film DIE KINDER DER UTOPIE

Eine junge Person mit roten Haaren im Rollstuhl. Sie trägt ein dunkles Oberteil und eine Jeanshose und hält eine Tasche auf dem Schoß.

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